Vogel des Monats Oktober 2026: Kolkrabe

2022 erschien im APUS die „Kommentierte Artenliste der Vögel von Halle und Umgebung“ von Robert Schönbrodt und Peter Tischler (siehe auch hier unter Publikationen des Vereins).

Hier sind alle 306 Vogelarten, die bis 2020/21 in der Stadt Halle und im ehemaligen Saalkreis gesichert beobachtet wurden, einschließlich der Angaben zum aktuellen Jahresstatus aufgeführt. Für die davon bekannten 177 Brutvogelarten werden jeweils für die Zeiträume 1982-1999 und 2000-2020 Brutstatus und Bestandstrend mitgeteilt.

Auf der Website des OVH wird monatlich eine Vogelart aus dieser Publikation vorgestellt. Das gesamte Sonderheft des APUS mit der komentierten Artenliste kann beim OSA bestellt werden.

Auszug aus der Kommentierten Artenliste zum Kolkraben:

Sowohl die Ausrottung dieses Rabenvogels im BG gegen Ende des 19. Jahrhunderts als auch die Anfänge der Rückkehr ab 1980 in das Bergholz am Petersberg und ab 1983 in die Dölauer Heide beschrieben Rey (1871) und Gnielka (1983, 1984). Diese Wiederbesiedlung erfolgte im Zeitraum der Kartierung für den Atlas der Brutvögel Ostdeutschlands von 1978-1982/1983 (Nicolai 1993), als die Ausbreitung aus nördlicher Richtung gerade das BG erreichte (Köck 1981).

Die folgende halbquantitative Kartierung des BG im Raster von 770 Kilometerquadraten ab 1983-1986/1987 dokumentiert schon 5 BP (Schönbrodt & Spretke 1989); die drei neuen Reviere wurden im Stengelsholz bei Kloschwitz (seit 1984), sowie im Birkenbusch bei Domnitz und im Kockwitzer Busch (seit 1987) gefunden. Nach der folgenden Brutvogelkartierung von 1990- 1995 wurden für das BG bereits 8-10 sichere bis mögliche Reviere genannt (Gnielka & Zaumseil 1997). Die Aufmerksamkeit der Ornithologen für die weitere Verdichtung des Bestandes ließ dann merklich nach.

Kolkrabe (Corvus corax)

Die nächste systematische Erfassung in den Jahren 2005-2009 auf Basis der Messtischblätter nannte die Spanne von 40-80 Rev. (Gedeon et al. 2014), wobei der tatsächliche Bestand wohl eher an der unteren Grenze lag. Bemerkenswert waren inzwischen festgestellte Anpassungen bei der Auswahl der Nistplätze: Seit 1995 beobachtete G. Klammer bei Landsberg regelmäßig und in zunehmender Zahl Bruten auf Gittermasten der 110 bis 380 kV-Freileitungen. Allein 2019 fanden an mind. 6 Stellen im BG Bruten auf Gittermasten statt (R. Höhne, P. Tischler, A. Timm, R. Jänicke, ornitho.de). Auch die Kriterien ‚hoch‘ und ,gut getarnt‘ wurden bei der Horstwahl von einigen weniger scheuen Brutvögeln aufgegeben. Z.B. bewachten am 18.4.2017 – 2 ad. 4 juv. auf einer toten Pappel in nur 9m Höhe direkt neben der Kreisstraße am Betonwerk Plötz; in diesem weithin sichtbaren Nest hockten am 30.4. noch die flüggen Jungraben (R. Schönbrodt).

Brutplätze fanden sich auch in gut frequentierten Parks, wie in Dieskau, Ostrau und Seeben. Sogar die hallesche Stadtgrenze wurde überschritten, wie z.B. Bruten am Heidesee bei Nietleben am westlichen sowie nahe von Kleingartenanlagen am Goldberg am nordöstlichen Stadtrand bewiesen. 2018 bezog ein Paar Revier auf dem Gertraudenfriedhof, im ersten Jahr noch erfolglos, doch 2019 flogen unweit der Kapelle von einem Kiefernhorst 3 und 2020 im Nordteil des Friedhofes 6 Jungraben aus (D. R. Bird, pers. Mitt.). Rabenbeobachtungen und -rufe gehören seit dieser Zeit über den Wohngebieten am Stadtrand zu den Alltagserlebnissen.

Bemerkenswert sind größere Trupps in den Herbst- und Wintermonaten (Tab. 73). Seit 1980 bis 2007 wurden mind. 147 Jungvögel beringt (4x 1, 2x 2, 8x 3, 7x 4, 15x 5 und 2x 6), doch nicht eine Rückmeldung ergab sich (H. Tauchnitz). Es ist zu vermuten, dass Kolkraben mit ihren gewaltigen Schnäbeln Aluminiumringe entfernen können. Nur für einen 2017 mit zwei weißen Flügelmarken entdeckten Brutvogel kann die Lebensgeschichte kurz umrissen werden: Dieser Rabe wurde nestjung am 20.4.2012 nahe Dörschnitz NW von Lommatzsch in Sachsen markiert. Danach gelangen 11 Ablesungen aus der Umgebung des Erbrütungsortes sowie 5

Wiederfundmeldungen aus dem Winter 2013/14 von einer Halde in Böhmen (CZ) und später eine unsichere Ablesung bei Delitzsch nahe der NE Grenze unseres BG (H. Trapp, pers. Mitt.). Am 16.4.2017 wurde dieser beflaggte Rabe im Auwald am Riedagraben bei Werderthau am Horst mit drei Jungraben beobachtet (R. Schönbrodt) und am 18.4. gelang E. Greiner nach geduldigem Ansitz ein Belegbild mit der Zahlenfolge ‚624‘ (Abb. 143). Die vorläufig letzte Sichtung des markierten Raben glückte am 22.4.2020 über dem Brutplatz von 2017, als er und ein zweiter Altvogel einen Mäusebussard attackierten.

S. Gerulat & R. Schönbrodt